Viel Haus, viel Grün, viel Zaun – Altersfalle Rückzug

Dr. Henning Scherf besuchte Wohltorf 11.01.2019

Er kommt, lächelt und spricht: Dr. Henning Scherf, gerade junge 80 Jahre alt geworden, empfängt die Gäste zum Vortrag des Wohltorfer Polit-Cafés mit sehr persönlichen Worten in der Grundschule Wohltorf. Nahezu jede/r der fast 100 Zuhörer wird von dem großen Bremer mit Händedruck begrüßt.

Henning Scherf läßt sich zunächst – „weil er es nicht lassen kann“, wie er sagt, über weltpolitische Lage aus: über den Fehltritt Brexit, über Putin und die russische Rezession, über einen „durchgeknallten“ Trump, über das beste Negativbeispiel des totalitären Systems Türkei, das die Welt zum Umdenken veranlassen möge.

Neben diesen Bedrängnissen solle im Auge behalten werden, dass es auch eine Gegenöffentlichkeit zu unser aller Schutz gibt und mahnt: es liegt an uns diese Öffentlichkeit herzustellen und kreativ mit den vorhandenen Ressourcen zu bespielen.

Dann spricht Henning Scherf über Wohltorf und vergleicht es mit der Elbchaussee: viele große Einzelhäuser, in denen abends nur in einem Zimmer Licht brenne: man solle sich öffnen, Zusammenleben in den großen Immobilien sei machbar, Studenten und Alleinstehende brauchen bezahlbaren Wohnraum, Menschen brauchen Nähe.
Örtliche Quartiersentwicklungen in Bremen, Werter und Bochum nennt er beispielhaft. Immobilien werden nach und nach zu gemeinschaftlichen Wohn- und Projektzwecken umgebaut und mit Leben gefüllt.

Er verweist auf die schon vielerorts bestehenden „Freiwilligenagenturen“, die auf verschiedene Weise bürgerschaftliches, freiwilliges Engagement unterstützen. Alleine in Bremen seien 255.000 Menschen. „Wir haben eine zunächst noch immer größer werdende Gruppe von mobilen, interessierten, erfahrenen und ausgebildeten Menschen, die sich gerne sinnvoll beschäftigen wollen – eine riesige Ressource!“.

„Wie man ein Generationsübergreifendes Projekt denn anfasse?“, fragte ein Gast. Scherf zeigt eine mögliche Marschrichtung auf: Einladung ins Rathaus, Wünsche aufschreiben, Kommunale Grundstücke zum Verkehrswert, Konzeptausschreibungen, Bauherrenmodell, Bündnisse zur Finanzierung, Trägerrolle durch Verbände oder private, rechtlich abgesicherte Einheiten aufstellen, Kredite mithilfe der Kommunalpolitik einholen, Sozialressorts des Landes, Anschubfinanzierungen aus Landesmitteln, Unterstützung aus den Sozialressorts, Öffentlichkeit über die Presse herstellen, und dranbleiben.

Die Herrschaftserfahrungen der älteren Generationen hinter sich lassend, sollen alle Menschen, gleich welchen Alters, welcher Herkunft und welcher Art respektvoll in örtliche Aktivitäten eingebunden werden, mit kleinen Aufgaben für das Gemeinwohl tätig sein. Je mehr man sich in seinem Kiez kenne und je öfter man sich begegne um so sicherer, geborgener und aktiver fühle man sich, um so eher finden gemeinsame Aktivitäten statt, um so größer sei die gegenseitige Verantwortung. Um so eher fühle man sich aufgehoben mit Menschen zwischen denen man leben und auch gut sterben kann.

Es geht ihm um Aufwertung der Zivilgesellschaft. Um Verantwortung, Respekt, um Mitgefühl.

Es geht um Tatkraft und um die sinnvolle Gestaltung jeden Tages, nicht nur nach der Berufstätigkeit.

In kleinen Schritten könne gemeinsam Größeres entstehen. Mut solle man haben, und sich trauen Projekte anzugehen und voranzutreiben. Die Menschen sollen mitgenommen, motiviert und bestärkt werden.

„Wie kann ich mein Altersleben gelingen lassen“ – das ist angesichts der Zunahme alter Menschen auch Sache der Kommunalpolitik. „Früher wurde man kaum 80 Jahre, heute gehen wir 80-jährigen zum Segeln und fahren E-Bikes“, führt Henning Scherf in freundlichem Erzählton fort.

Dann berichtet er bescheiden und fast leise von vielen Hilfsprojekten, die durch sein Engagement vielen Menschen zu Förderungen und einer stabilen Zukunft verhelfen, warb aktiv für „Pan y Arte“, eine 2006 in Bremen gegründete Stiftung, die die politischen Förderstrukturen für Kunst und Kultur in der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Nicaragua und Europa beeinflussen soll.

Bevor der stellvertretende SPD Ortsvorsitzende Günter Nickel zum anschließenden Glas Wein einlädt weist er noch darauf hin, dass es sich bei den angedachten Projekten der Begegnungsmöglichkeiten in Form von Kaufmannsladen, Café, Restaurant, Coworking, u.a. an der S-Bahn Wohltorf um konsenstragendes Engagement handeln soll.

Die Kommunalpolitik spiele hierbei durch das Schaffen von Möglichkeiten und guten Rahmenbedingungen eine bedeutende Rolle. Ebenso die Eigeninitiative derer, die solche Wohn- und Lebensformen aktiv unterstützen und umsetzen wollen.

Günter Nickel weist auch in diesem Zusammenhang auf die nächste Veranstaltung hin, die weitere Schritte zur Umsetzung aufzeigen soll:

ALLE Bürgerinnen und Bürger Wohltorfs sind zum Vortrag der vom Land Schleswig-Holstein beauftragten Consulting-Agentur für das Projekt MarktTreff Anfang April bereits jetzt herzlich eingeladen.

Elke Bentfeld